POHLHEIM – (ww). Dornröschenschlaf, Pustekuchen! Pohlheim steht derzeit im Mittelpunkt, nicht nur wegen des geplanten Outlets, sondern auch im Fokus der internationalen Politik. Der türkische Generalkonsul Burak Kararti hat sich gegen das Denkmal gestellt, das an den Völkermord von Armeniern im osmanischen Reich im Jahr 1915 erinnern soll. Das nahmen die Pohlheimer Kommunalpolitiker in ihrer letzen Sitzung im alten Jahr zur Kenntnis, ohne von ihrem Beschluss abzurücken (der Anzeiger berichtete). Das Denkmal wird von einem noch einzuberufenden Beirat umgesetzt, wahrscheinlich schon im Lauf des nächsten Jahres. Nicht nur kritische Stimmen gab es zum ersten öffentlichen deutschlandweiten Genozid-Denkmal für Armenier und andere. Die Stadt erreichten mehrere Briefe nach dem Votum.

Der Zentralverband der Assyrischen Vereinigungen in Deutschland und Europäischen Sektionen um den Vorsitzenden Aziz Said nahm schon Mitte November erfreut zur Kenntnis, dass in Pohlheim ein Mahnmal für die im osmanischen Reich im Jahr 1915 ermordeten Assyrer, Armenier und Angehörigen anderer christlicher Minderheiten errichtet werden soll. Als Dachverband assyrischer Vereine in Deutschland freuen wir uns mit den Mitgliedern des Ortsvereins Gießen/Pohlheim, der einer der ersten Migrantenvereine in der Region gewesen sei. Mit diesem Beschluss übernehme die Stadt Pohlheim eine Vorreiterrolle, denn ein solches öffentliches Denkmal fehle bisher in Deutschland. „Für diese wegweisende Entscheidung danken wir Ihnen daher sehr“, heißt es in einem Brief, der von Miryam Abraham im Auftrag des Vorstandes gezeichnet ist.

Durch die Errichtung eines Mahnmals für die Opfer dieses Genozids leiste die Stadt Pohlheim einen wichtigen Beitrag dazu, die Resolution des Bundestages umzusetzen.

Auch der Zentralrat der Êzîden in Deutschland mit Sitz in Staufenberg um den Vorsitzenden Dr. Irfan Ortac unterstützt die Entscheidung, auf einem öffentlichen Platz ein Mahnmal für die christlichen Opfer im osmanischen Reich zu errichten. „Wir möchten Sie zu diesem Schritt ausdrücklich beglückwünschen. In ihrer wunderschönen Stadt Pohlheim leben seit über vier Jahrzehnten syrisch-orthodoxe Christen. Es sind die Nachfahren derer, die im osmanischen Reich systematisch verfolgt und ermordet wurden, teilweise auch von ihren unmittelbaren Nachbarn.

Durch die Errichtung eines Mahnmals für die Opfer wird die Stadt Pohlheim einen wichtigen Beitrag für die Versöhnung der Völker leisten. Das Mahnmal wird nicht nur der Erinnerung an ein Verbrechen, an einen Genozid, dienen, sondern auch als Mahnung, damit nie wieder solche Verbrechen geschehen“, heißt in einem weiteren Schreiben an Bürgermeister Schöffmann und die Stadtverordnetenvorsteherin Anja Sames-Postel.

Auch Simon Jacob, Vorsitzender im Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland mit Sitz in Augsburg, wurde auf das Denkmal aufmerksam. „Mit diesem Mahnmal setzen Sie als erste Stadt in Deutschland die Resolution des Deutschen Bundestags von Juli 2016 um und schaffen einen Ort, an dem die Nachkommen von Armeniern, Survoye (Aramäer, Assyrer, Chaldäer), Pontos-Griechen und anderen religiösen Minderheiten, die unter dem Vorgehen des Osmanischen Reichs zahlreiche Opfer zu beklagen hatten, eine würdige Trauer- und Erinnerungsstätte haben.“

„Die Irritation ist bei den Bürgerinnen und Bürgern mit türkischen Wurzeln in und um die Stadt Pohlheim sehr groß.“ Die Türkische Gemeinde Hessen um Atila Karabörklü mit Sitz in Frankfurt bot daher den Stadtverordneten schon am 27. November in einem Schreiben ein Gespräch an. Der Armenien-Beschluss des Stadtparlaments wird als „nicht akzeptabel“ bezeichnet. Er sei zudem weder objektiv, noch wissenschaftlich und juristisch nachvollziehbar. Es handele sich um kein geeignetes Mittel, um einen Beitrag zur Verständigung und Versöhnung der Türken und Armenier zu leisten. „Über die Armenien-Resolutionen werden die gegenseitigen Vorurteile verstärkt, muslimische und christliche Bürger aufeinandergehetzt. Deutschlandtürken fühlen sich nicht ernstgenommen in ihrer Argumentation, dass vor dem und während des Ersten Weltkrieges auf dem Balkan, in Anatolien, aber auch im Kaukasus wie in den Wüstenregionen des osmanischen Reiches Massentötungen an der muslimisch-türkischen Bevölkerung stattgefunden haben und sogar die christlichen Nationen zum Teil vorhatten, die Türken und die Muslime von der Landkarte zu tilgen und eine totale Vernichtung anstrebten.“ Unter solchen Voraussetzungen habe ein großes Unrecht an Türken, Armeniern und auch anderen Völkergruppen im Osmanischen Reich stattgefunden. „Geschichtliche Deutungs- und Diskurshoheit über historische Ereignisse obliegt nicht dem Aufgabenbereich von Parlamenten. Sie ist Gegenstand von wissenschaftlichen und juristischen Kompetenzzentren, in denen unabhängige Historiker und Juristen urteilen.“

Bei einem Besuch der Bundeszentrale in Berlin sei von Norbert Lammert (CDU) am 22. Juni 2016 vorgetragen worden, dass die Armenien-Resolution des Bundestags nicht nur aus politischer und juristischer, sondern auch aus historischer Sicht nicht akzeptabel sei.

Der Anzeiger wollte auch eine erneute Stellungnahme zum Thema seitens des Generalkonsuls einholen. Seine persönliche Assistentin Jülide Bilginli erklärte jedoch gestern auf Anfrage, dass sich der Konsul bereits abschließend geäußert habe.

 

Quelle:Pohlheim-19.12.2017

http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/kreis-giessen/pohlheim/viel-korrespondenz-zum-besonderen-mahnmal-in-pohlheim_18398843.htm

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